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Wir tanzen durch die Wellen der Ostsee. Seit Tagen schon hat der Seewetterdienst eine Sturmwarnung für das Seegebiet Belte und Sunde herausgegeben. Windstärke 5-6, in Böen bis 8. Immer wieder verlieren wir uns zwischen den Wellenbergen aus den Augen. Der Wind schiebt uns vor sich her. Wir müssen uns vor den sich brechenden Wellen in acht nehmen. Die Gefühlslage unserer kleinen Gruppe bewegt sich zwischen „Oh je, das stand nicht im Prospekt “ (Jens), „Ganz nett, aber ewig kann das nicht gut gehen“ (Nils, Gerd) und freudig erregten „Juhuu-Rufen“ (Kirsten, Richard).

Seit Tagen sind wir unterwegs an der Südküste Seelands in Dänemark. Start in Skaelskör. Beim örtlichen Roklubben haben wir unser Auto abgestellt und unsere Boote startklar gemacht. Wellenreitend geht es von Skaelskör hinüber zur Insel Aegersö. Ostwind wie bestellt.

 

An einem kleinen Steilufer finden wir einen etwas steinigen Übernachtungsplatz. Schnell sind die Zelte aufgebaut und das Abendessen brutzelt in der Pfanne. Beim Zusammenklopfen leerer Konservendosen verletzte ich mich nicht unerheblich. Ein Stein splittert und fügt mir eine tiefe Schnittwunde im Knöchelbereich zu. Eine unschöne Situation. Es wird bereits dunkel und die Insel hat keinen Arzt. Ich sehe mich per Hubschrauber der Küstenwache auf dem Weg in ein dänisches Krankenhaus. Als Sofortmaßnahme legen meine mit Sanitätsmaterial gut ausgerüsteten Mitreisenden einen Druckverband an. Entgegen meinen Erwartungen hält der Verband. Also Abwarten und Tee trinken.

Nachts erhält unser Küstenfahrt-Neuling eine Lektion über das Zelten am Ufer. Merke: Wenn Dein Kochtopf nicht wegschwimmen soll, baue Dein Zelt trotz des steinigen Untergrundes nicht auf dem weichen Seetankstreifen auf. Auch in der Ostsee gibt es einen Tidenhub.

Wir ziehen an der Westküste Aegersös entlang und springen hinüber nach Omö. Entgegen der Wettervorhersage ist es fast Windstill. Wir können Omö problemlos umrunden und wieder nach Aegersö zurückspringen. An einem schönen Waldrand schlagen wir unsere Zelte auf und genießen den Abend. In der Dämmerung besucht uns ohne jede scheu ein Hase und lässt sich von unserem Lagerleben nicht beindrucken.

Um 21:04: Rituelles abhören des Seewetterberichtes: „Hier ist die Deutsche Welle: Sie hören den Seewetterbericht. Sturmwarnung für folgende Seegebiete...“.

Es steht wieder eine größere Überfahrt an. Wind und Wellen sind grenzwertig. Wir sind unsicher und betätigen uns im Kaffesatzlesen. Mit dem Argument: „Alles nur Schaum“ wird die mentale Blockade durchbrochen. Wir geben die Seenotsignale aus und starten. Einem Sicherheitskurs folgend überqueren wir den Aegersö-Sund an der schmalsten Stelle. Es geht wesentlich leichter als gedacht. Mit zunehmenden Schiebewind brausen wir nach Osten und flüchten schließlich in die Haff von Basnax Nor. In einem knorrigen Märchenwald mit windschiefen Bäumen tauchen wir ab.

„21:04 Uhr, hier ist die Deutsche Welle. Sie hören den Seewetterbericht. Sturmwarnung für folgende Seegebiete...“.

Die Bäume biegen sich. Wir beschließen unsere Weiterfahrt auf den späten Mittag zu verschieben. Der Plan ist, durch die flachen Haffgewässer im Windschutz der Insel Glanö nach Bisserup Strand zu paddeln. Leider erwies sich die Brücke nach Glanö als Damm. Schlimmer noch: Hinter dem Damm war das Holsteinborg Nor total verlandet. Wir sind gezwungen auf die Seeseite der Bisserup-Nehrung zu wechseln und uns durch die aufgewühlte See zu kämpfen. Nach einem etwas feuchten Brandungsstart konnten wir unser Tagesziel dank des kräftigen Rückenwindes schnell erreichen. Abends kleine Kochkatastrophe: Ein Topf mit Tomatensoße kippt um. Keiner sagt etwas, alle bis auf einen grinsen.

„21:04, hier ist die Deutsche Welle. Sie hören den Seewetterbericht. Sturmwarnung für folgende Seegebiete..., schwere Regenschauer mit Gewitterböen…“.

Die Bäume biegen sich noch mehr. Wir sind mutiger geworden und ziehen mit unseren schlanken Eskimokajaks ostwärts. Mittags wollen wir in den von einer Mole geschützten Hafen von Karrebaksminde einlaufen. Vor dem Molenkopf steht eine mannshohe Kreuzsee, „Augen zu“ und durch. Die Einkaufsmöglichkeit von Karrebaksminde wird reichlich genutzt, anschließend haben einige Packprobleme.

Wir ziehen weiter. Es wird so schauklig, das eine Bierdose in meiner Kühltasche platzt. Zu allem Unglück wird mein Vorschiff wegen eines defektes an der vorderen Packluke halb geflutet. Das Boot bleibt aber gut schwimmfähig und stampft schwerfällig durch die See.

Hinter uns kommt eine schwarze Wand auf. Der angekündigte Starkregen mit Gewitterböen. Jetzt wird mir doch etwas mulmig! Ich erinnere mich mit Grausen an einen tragischen Bootsunfall bei ähnlicher Wetterlage auf der Oberelbe. Ich versuche die Gruppe etwas dichter an die Küstenlinie zu lenken. An eine Anlandung ist nicht zu denken, viel zu hart schlägt die Brandung auf das felsige Steilufer. Da wäre eine Bruchlandung vorprogrammiert.

Dann prasselt der Starkregen nieder. Ich lenke mein Boot gegen den Wind, ziehe den Kopf zwischen die Schulterblätter. Die Sicht reduziert sich auf null, die Gruppe wird vom Wind auseinandergerissen und verliert sich aus den Augen. Jeder ist mit sich allein und hofft, dass er nicht von einer Bö aus dem Boot gefegt wird. Nach 10 Minuten ist der Spuk vorbei, es hört auf zu regnen, die Sicht wird besser. Gott sei Dank, alle sitzen noch um Boot!

Die Wellen werden höher, gefühlte 2m. Das ist wie Wildwasserfahren in der Imster Schlucht, nur mit Gepäck und ohne rettendes Ufer. Endlich erreichen wir die Einfahrt in den schützenden Dybsö Fjord. Vor der Einfahrt gilt es noch einmal eine Zone sich brechender Wellen zu durchqueren. Auch das gelingt. Schnell ist ein Übernachtungsplatz gefunden und das im Vorschiff ertrunkene Zelt zum Trocknen aufgestellt. Abends werden wir mit einem schönen Sonnenuntergang entschädigt.

„21:04, hier ist die Deutsche Welle. Sie hören den Seewetterbericht. Sturmwarnung für folgende Seegebiete...,

Wir nehmen Kurs auf die Sandbank Avnö Rön. Hier sollen 500 Seehunde leben, so hat es uns ein dänischer Fischer am Abend vorher berichtet. Von weiten sehen wir viele graue Buckel auf der Sandbank. Irgendwie komisch, die Buckel bewegen sich überhaupt nicht. Beim Näherkommen sehen wir, das die Sandbank mit großen Findlingen übersäht ist. Wir sind enttäuscht, 500 Seehunde können sich doch nicht in Luft auflösen.

Wir umrunden die Halbinsel Knudshoved und schlagen unsere Zelte an einem traumhaft schönen Strand auf. Der Wind ist inzwischen fast eingeschlafen. Ich bekomme eine Massage von unserer Fachkraft und bin wieder ganz locker, das schlimmste scheint überstanden.

„21:04, hier ist die Deutsche Welle. Sie hören den Seewetterbericht. Vorhersage Seegebiet Belte und Sunde: 3-4 Beaufort… Erste stimmen der Art: „Oh, wie langweilig“ werden laut.

Weiter geht es Richtung osten. Der erste entspannte Paddeltag unserer Reise. Ich muss mir keine Sorgen mehr um meine Gruppe machen. Immer noch mit Wind im Rücken erreichen wir den Schlusspunkt unserer Reise, den Roklubben in Vordingborg.

Eine spannende Seekajaktour geht zu Ende. Nachfolgend einige Impressionen der Reise.

 

Wichtige Anmerkung des Autors:

Der Küstenabschnitt Skaelskör-Vordingborg zeichnet sich durch große landschaftliche Vielfalt aus und ist in der Befahrung absolut lohnend. Die Befahrung bei gutem Wetter erfordert Großgewässerkenntnis und hinreichend gute Bootsbeherschung.

Die Befahrung bei Starkwind bleibt nur Paddlern mit exzellenter Bootsbeherschung vorgehalten!

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